Jede Zeit hat ihre besonderen Bedürfnisse und baut die ihr eigenen Gebäude. Als Ende der 1950er Jahre die heutige Universitätsbibliothek im Stadtgarten geplant wurde, wollte man ein modernes, fortschrittliches und zukunftsgeeignetes Gebäude errichten. Nach vielen Auslandsexkursionen der am Entwurf Beteiligten kam dabei ein Gebäude heraus, das Aufsehen erregte, weil es zu den fortschrittlichen Bibliotheksneubauten in Deutschland gehörte. Es war hell, geräumig und funktional.
Warum diese Vorrede? Weil ein Blick in den damaligen Grundriss interessante Entdeckungen zu Tage fördert. Er macht deutlich, dass fortschreitende Technik auch ein permanentes Überdenken der Funktionen und angemessenen Ausstattung eines Gebäudes samt Raumkonzept notwendig macht, und dass die neue Bibliothek nie nur als ein Aufbewahrungsort für Bücher gedacht war. Das nicht mehr betriebene Tonstudio, die Ausstellungs- und Vortragsräume zeugen davon.
Nach dem Schwelbrand 2023 plant die Universität eine Generalsanierung des Gebäudes. Die Frage ist, wie weit geht die Sanierung? Beschränkt man sich auf den Bau an sich, um seine Funktionstüchtigkeit wieder herzustellen? Oder geht man weiter und überdenkt auch den räumlichen Zuschnitt, um neue Angebote in ihm unterzubringen? Oder ist angesichts neuer Anforderungen, die im Altbau so nicht zu verwirklichen sind, gar ein Erweiterungsneubau vorstellbar und finanzierbar? Diese Fragen werden in den für die Sanierung zuständigen Gremien zusammengetragen und diskutiert.
Grundlage der Diskussion über neue Anforderungen war das gemeinsame Projekt Campus-HUB der Universitätsbibliothek Stuttgart, der Bibliothek der Hochschule für Technik und der Bibliothek der DHBW, das zwischen 2019 und 2021 durchgeführt und vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst (MWK) finanziert wurde. Das Projekt gewann 2022 den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis für die Entwicklung innovativer Bibliotheksvorhaben. Die Auszeichnung wird seit 2019 vom Sparkassenverband Baden-Württemberg und vom Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Bibliotheksverbands verliehen (siehe auch IZUS-Jahresberichte 2021 und 2022).
Um noch einmal die Pläne des Projektes Campus-HUB in Erinnerung zu rufen, luden die drei Hochschulen (Universität, HfT und DHBW) auf Initiative der beteiligten Bibliotheken am 15. März 2024 Vertreter*innen des Landes, der Stadt, der Universität und der umliegenden Hochschulen, der Studierenden, des Universitätsbauamtes und des Landesamts für Denkmalschutz zu einem Zukunftsworkshop ein.
Dem Projekt Campus-HUB ging der Masterplan Campus 2030 der Universität voraus. Campus-HUB griff Ideen des 2018 publizierten Masterplans 2030 für die Stadtmitte auf und entwarf eine gemeinsame Campus-Hochschul- und Universitätsbibliothek der drei benachbarten Hochschulen. Im Abschlussbericht wurden die Raumbedarfe festgestellt, die für eine moderne kooperative Bibliothek mit neuen Aufgaben vonnöten sind. Nach den Vorstellungen von Campus-HUB soll ein gemeinsames Gebäude der drei Hochschulen Flächen für Bibliothek, Universitätsarchiv und Sammlungen, für ein Lernzentrum, sowie für Veranstaltungs- und Ausstellungsräume bereitstellen.
Für den Campus-HUB-Workshop wurden diese Raumbedarfe in einem Positionspapier mit den Schlagworten Stadtraum, Depotraum, Lernraum, Kreativraum, Kommunikationsraum, Schauraum und Serviceraum umschrieben und den Teilnehmern vorgestellt.
Stadtraum: Gut ausgestattete Bibliotheken haben per se eine Magnetwirkung, auch auf die Stadtbevölkerung. Campus-HUB könnte diese durch die Bereitstellung von Veranstaltungs- und Ausstellungsräumen verstärken und als Schaufenster der Hochschulen, die bereits im Masterplan 2030 genannten Maßnahmen zur Belebung des Stadtgartens unterstützen.
Depotraum: Nicht nur Bücher sind Gegenstände der Forschung und Lehre, sondern auch Archivalien (Nachlässe, Briefwechsel etc.) und Objekte (Fundstücke von Exkursionen, Demonstrationsmodelle etc.). Das Universitätsarchiv ist zurzeit in angemieteten Räumen untergebracht. Wissenschaftliche Sammlungen schlummern teils prekär gelagert in Kellern und Schränken. Hier gibt es deutliches Optimierungspotential. Diese Materialien könnten nach bibliothekarischen, archivalischen und musealen Regeln erschlossen, in Kompaktregalen platzsparend verwahrt, dauerhaft archiviert und über Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Lernraum: Obwohl die Verfügbarkeit digitaler Inhalte stark zugenommen hat und diese orts- und zeitunabhängig online zugänglich sind, und obwohl es heute vielfältige Möglichkeiten gibt, sich virtuell zu treffen und auszutauschen, nimmt die Zahl der Lernenden in Bibliotheken nicht ab. Das Gegenteil ist der Fall. Die anregende Atmosphäre von Lesesälen wird nach wie vor gerne genutzt. Einzelarbeitsräume und vor allem Gruppenarbeitsbereiche bewähren sich nach wie vor. Es gilt diese in ausreichender Zahl mit zeitgemäßer Technik und Möblierung möglichst flexibel zu gestalten und den jeweils aktuellen Anforderungen anzupassen. Die Lernorte müssen geschickt zoniert und im Gebäude verteilt werden, damit sie mit den vielfältigen Angeboten im Gebäude verknüpft werden können: Spontanes Verweilen an zentralen Verkehrszonen, Lernen in unmittelbarer Nähe zur Literatur etc.
Kreativraum: Praxisorientierte Studiengänge brauchen besondere Räume. Das Thema Wissenschaftstransfer in die Gesellschaft nimmt an Bedeutung zu. Damit sind neue multimediale Präsentationsformate notwendig geworden, um wissenschaftliche Ergebnisse anschaulich zu präsentieren. Hier will Campus-HUB Werkräume und Labore anbieten, Makerspace für das Lernen, für Lehre und Forschung mit Zugang zu digitalisierten und realen Objekten und mit Materialien, Werkzeugen und geeigneter technischer Ausstattung, um Projekte zu verwirklichen. Auch Geisteswissenschaftler beispielsweise arbeiten nicht mehr nur in ihrer „stillen Stube“ umgeben von gedruckter Literatur. Auch hier hat eine Vernetzung mit fachübergreifenden Disziplinen und neue Technik Einzug gehalten. Es sind neue Disziplinen wie z. B. die Digital Humanities entstanden.
Kommunikationsraum: Öffentliche Veranstaltungen der Institute und Fakultäten finden nicht selten in angemieteten Räumen der Stadt statt. Auch in der UB registrieren wir diesen Raumbedarf. Unser Vortragssaal wird regelmäßig für interne und öffentliche Veranstaltungen angefragt. Dem Campus Stadtmitte fehlt ein zentraler Ort für regelmäßige Begegnungen, persönliche Gespräche und den Austausch. Campus-HUB will Räume für Tagungen, Vorträge, Workshops und Sitzungen anbieten. Sie sollen in der Größe flexibel nutzbar und mit zeitgemäßer Technik ausgestattet sein (z. B. für Livestreaming und Videoaufnahmen). Gastronomische Angebote und angrenzende Loungemöbel sollen zum Verweilen einladen, den Austausch fördern und Gespräche ermöglichen.
Schauraum: Wie beim Konzept des Kommunikationsraums bereits beschrieben, fehlt dem Campus Stadtmitte ein zentraler Ort für regelmäßige Begegnungen. Ihm fehlt auch ein zentraler repräsentativer und öffentlich sichtbarer Ausstellungsraum. Campus-HUB möchte dieses Defizit beheben und Raum für Ausstellungen anbieten, den alle Akteure im Wissenschaftstransfer inklusive Universitäre Sammlungen, Exzellenzcluster, IZKT, Drittmittelprojekte und Institute bespielen können.
Serviceraum: Die Mitarbeiter der am Campus-HUB-Projekt beteiligten Bibliotheken verfügen über die notwendigen Kompetenzen, Erfahrungen und ineinandergreifende Workflows im Umgang mit Informationen und Medien: Erwerben, Lizenzieren, Inventarisieren, Katalogisieren, Systematisieren, Beschlagworten, Nachweisen, Bereitstellen, Aufbewahren Vermitteln, Digitalisieren, Publizieren und Aussondern. Die Verwendung standardisierter Formate und normierter Daten garantiert die Operabilität, Nachhaltigkeit und internationale Vernetzung von Medien, Archivalien, Objekten sowie Publikationen und Forschungsdaten. Sie sichern damit langfristig und nachhaltig das generierte Wissen für Forschung, Lehre und Öffentlichkeit. Dafür hält Campus-HUB gemäß der sich verändernden Arbeitswelten Büros, Besprechungsräume, Werkstätten und Technikräume bereit.
Während des Workshops wurde in Vorträgen das Konzept des Campus-HUB nochmals vorgestellt und einzelne Aspekte daraus aufgegriffen. Außerdem ging man auf das Gebäude der Universitätsbibliothek in Stadtmitte und dessen Eigenschaften ein, die bei einer Generalsanierung erhalten und modernisiert werden sollten. Anschließend gab es eine moderierte Diskussionsrunde, an der alle vertretenen Gruppen teilnahmen.
Die drei Hochschulrektor*innen Wolfram Ressel, Katja Rade und Beate Sieger-Hanus waren sich einig, dass eine engere Kooperation richtig ist und dass die Ziele von Campus-HUB unterstützt werden sollen. Das Universitätsbauamt sah an dieser Stelle ein mehrstufiges Vorgehen in Richtung Campus-HUB vor: Zunächst muss die Generalsanierung des Bestandsgebäudes geplant und durchgeführt werden. Planungen zu einem Ersatzneubau können erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.
Die ersten Schritte in Richtung Generalsanierung des Gebäudes in der Stadtmitte wurden im Laufe des Jahres 2024 gemacht und die Planungen für eine Generalsanierung werden sich im Laufe der Jahre 2025 und 2026 weiter konkretisieren. Bei diesem Vorhaben versuchen wir, möglichst viele Ideen aus dem Projekt Campus-HUB in die aktuellen Planungen zur künftigen Gebäudenutzung gewinnbringend einfließen zu lassen.
Kontakt
Cristina Mehl
Leitende Bibliotheksdirektorin, Abteilungsleitung Digitale Dienste (kommissarisch)
Frank Wiatrowski
Digitalisierung, Öffentlichkeitsarbeit

